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"Tennis spielen, um zu gewinnen, ist der falsche Ansatz."

Jeder Tennisspieler kennt die Situation: Man hat toll gespielt, führt verdient und muss nur noch den "Sack zumachen". Und dann passiert es: Beim Aufschlagen zum Matchgewinn wird die Schulter plötzlich schwer, die Aufschläge landen im Netz oder werden bloß noch "eingeworfen". Alle Sicherheit ist dahin. Das Gedanken­karussell beginnt sich zu drehen.

Wenn man zu sehr gewinnen möchte, funktioniert der "Spiel-Punkt-für-Punkt"-Gedanke nicht mehr.

Einer, der sich mit Versagensängsten und der falschen Einstellung auf dem Platz auskennt, ist Thomas Baschab. Der Mentaltrainer, der mit Weltklasse-Athleten wie Simon Schempp, Natalie Geisenberger, Felix Neureuther und Philipp Kohlschreiber zusammenarbei­tet, spricht im Interview über den Umgang mit Leistungsdruck, die Grenze zwischen Ritual und Aberglaube und den Einfluss der Körpersprache auf die sportliche Leistung.

Vita.

Thomas Baschab (58) studierte Betriebspädagogik in Koblenz und befasst sich seit 1989 mit dem Thema Mentaltraining. Seit 29 Jahren ist er selbstständiger Managementtrainer und Mentalcoach. Er arbeitet erfolg­reich mit Top-Unternehmen aus dem In- und Ausland sowie Spitzensportlern verschiedenster Disziplinen zusammen. Darüber hinaus hält er Gastvorträge an Universitäten und Fachhochschulen. Bei Presse, Radio und Fernsehen ist er als Interviewpartner, Kolumnist und Autor gefragt.

In seinen Seminaren vermittelt Thomas Baschab eindrucksvoll, wie man Ziele erreichen kann, die man bisher für unerreichbar gehalten hat. Weitere Informationen finden Sie hier.

Thomas Baschab

Lesetipp:

"Träume wagen! Der mentale Weg zum Erfolg" von Thomas Baschab, Peter Prange (2015)

Was verhindert, dass wir die Erfolge haben, die wir uns wünschen? Oft genug trauen wir uns etwas einfach nicht zu. Denkblockaden, Angst vor dem Versagen, schlechte Erfahrungen hindern uns, es zu versuchen. Das muss nicht sein. Dieses Buch entführt Sie in das Abenteuer Selbstmotivation, denn Erfolg beginnt im Kopf. Und Sie erfahren: Auch Sie können Ihren ganz persönlichen Durchbruch schaffen und Ziele erreichen, die Sie bisher für unerreichbar gehalten haben. Dieses Buch macht Mut, alte Grenzen hinter sich zu lassen und hilft, neue Möglichkeiten für sich zu entdecken.

Thomas Baschab im Interview mit der NÜRNBERGER.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Mentalcoach zu werden und wie haben Sie diesen Plan realisiert?

Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, das Thema hat mich vielmehr eingefangen. Ich kam sozusagen dazu wie die Jungfrau zum Kind. Zunächst war ich als Trainer im Bereich Kommunikation und Verkaufs­förderung tätig. 1989 hatte ich dann zum ersten Mal Kontakt zum Mental­training. Es hat mich sofort immens fasziniert. Ich habe mich intensiv mit diesem damals noch jungen Spezial­gebiet beschäftigt, mir autodidaktisch vieles beigebracht und Kompetenz erworben. Nun bin ich seit 29 Jahren Mentalcoach, betreue Spitzensportler und halte zahlreiche Vorträge in Unternehmen.

Welche Rolle spielt die Farbe Orange in Ihrem Leben?

Eine große. Früher habe ich nur hellblaue Hemden getragen, wie ein Banker. Dann habe ich meine Frau kennengelernt. Sie beschäftigt sich viel mit Farben und mir wurde klar, dass ich etwas ändern muss. Denn jede Farbe hat ihre Bedeutung. Orange ist lebendig, strahlt Energie aus, steht für Aktivität und Gesellig­keit. Sie passt perfekt zu mir und meinem Verständnis von Kommunikation. Deshalb wurde Orange auch zu meinem Marken­zeichen. Wenn ich plötzlich grüne Hemden tragen würde, würden mich viele nicht erkennen.

In Ihren Seminaren haben Sie es häufig mit Führungskräften und Entscheidern zu tun. Wie gehen Sie mit Teilnehmern um, die Vorbehalte gegen das Mental­coaching haben oder sich im Seminar nicht auf Ihre Methoden einlassen?

In meinen Seminaren passiert das nicht. Klar gibt es immer ein paar Skeptiker, doch die kann ich gewinnen. Ich erzähle den Teilnehmern ja nicht nur etwas aus der Theorie. Mein Ansatz ist es, sie etwas erleben zu lassen. Etwas am eigenen Körper zu erleben, hat eine ganz besondere Überzeugungskraft. Man bekommt einen ganz anderen Zugang zum Thema, die Zweifel lösen sich durch das Erleben auf.

Thomas Baschap live

Seit vielen Jahren arbeiten Sie erfolg­reich mit Weltklasse-Athleten zusam­men. Mit welchen Fragestellungen und Anliegen kommen diese auf Sie zu?

Das ist ganz unterschiedlich. Meistens kommen die Sportler, wenn sie eine Krise haben, wenn es nicht so gut läuft. Manche müssen erst tief fallen, bevor sie etwas in diesem Feld tun. Andere haben das Gefühl, dass mehr Potenzial in ihnen steckt, als sie im Wettkampf abrufen können. Inzwischen kommen auch viele, die sowieso schon zur Spitze gehören, um über ein gezieltes Mentaltraining die allerletzten Möglichkeiten auszuschöpfen. Simon Schempp ist so ein Beispiel. Er möchte sich immer weiterentwickeln, schaut sich alles im Detail an und ist offen für Neues. Klar ist: Ohne ein gewisses mentales Talent wäre er nicht dorthin gekommen, wo er zu Beginn unserer Zusammenarbeit stand. Das mentale Training konnte ihm helfen, seine physische und mentale Stärke zu bündeln, noch erfolgreicher zu sein und in die absolute Weltspitze vorzudringen.

Rituale spielen gerade bei professionellen Tennisspielern eine große Rolle. Manche gehen während eines Turniers immer in dasselbe Restaurant. Andere vermeiden es, zwischen den Ballwechseln die Linien zu berühren. Wie bewerten Sie solche Verhaltensmuster und gibt es Techniken, diese zu durchbrechen?

Wir müssen hier zwischen 2 völlig verschiedenen Dingen, Ritual und Aberglaube, unterscheiden. Rituale können sinnvoll sein, weil sie Stabilität in der Situation geben. Allerdings muss man aufpassen, dass sie nicht zur Manie ausarten. Wenn ich vor jedem Match erst die linke und dann die rechte Socke anziehe, um gut spielen zu können, befinden wir uns in einer Grauzone. Wenn ich auf dem Tennis­platz zwischen den Ballwechseln penibel darauf achte, keine Linie zu betreten, um den nächsten Punkt machen zu können, geht es zu weit, sind wir im Bereich des Aberglaubens. Fest steht: Eine Vielzahl ritueller Dinge wirkt kontraproduktiv, weil man nicht an sich und seine Fähigkeiten glaubt. Um jemanden von Ritualen wegzubringen, hilft es, mit ihm zu reflektieren, welche Kräfte er beeinflussen kann und ihm Vertrauen in die eigenen Kräfte zu vermitteln.

Würde das auch bei Rafael Nadal funktionieren?

Rafael Nadal ist ein Meister der Rituale. Was er macht, geht auf keine Kuhhaut. Er könnte ohne Rituale genauso gut Tennis spielen. Aber wenn er daran glaubt, dann hilft es ihm auch. Das ist dann der berühmte Placebo-Effekt. Wir dürfen die Dinge, die er tut, von außen nicht verurteilen. Wenn ein Sportler glaubt, es hilft ihm, dann hilft es ihm auch. Und ganz ehrlich: Wenn ich mit diesen Ritualen an der Spitze der Weltrangliste stehen würde, würde ich es auch machen.

Im Tennisverein wird gerne der Begriff des Trainingsweltmeisters verwendet. D. h., dass Spieler im Training das perfekte Timing und Gefühl haben und diese Leistung im Wettkampf nicht abrufen können. Mit welchen Tricks lassen sich solche Blockaden beheben?

Da gibt es ganz viele Ansätze. Je höher der Erwartungsdruck ist, desto größer wird der Faktor Angst. Angst vorm Verlieren, vorm Versagen reduziert die Möglich­keiten. Tennis spielen, um zu gewinnen, ist der falsche Ansatz. Man sollte Tennis spielen, weil man es liebt. Dann nimmt der Druck ab. Etwas mit Liebe zu tun, macht uns freier. Roger Federer ist der beste Tennisspieler aller Zeiten. Warum? Weil er Tennis liebt. Im Finale der Australian Open 2018 wollte Marin Cilic unbedingt gegen ihn gewinnen. Er hat sich dabei so sehr unter Druck gesetzt, dass er im 5. Satz kaum noch Punkte gemacht hat. Wenn man zu sehr gewinnen möchte, funktioniert der "Spiel-Punkt-für-Punkt"-Gedanke nicht mehr.

Gibt es ähnliche Beispiele aus anderen Sportarten?

Ja, lassen Sie uns Simon Schempp nehmen, über den wir bereits gesprochen haben. Bei der Biathlon-WM 2017 in Hochfilzen wollte er unbedingt seine erste Einzel­medaille gewinnen. Heraus kamen die Plätze 8, 9 und 12. Er bat mich vor dem letzten Einzelrennen um Rat und ich stellte ihm per SMS nur eine Frage: "Warum machst du Biathlon?" Und dann gab ich ihm den Impuls: "Mach deinen Sport aus Liebe und Leidenschaft, vergiss die Medaillen." Am nächsten Tag absol­vierte er das beste Rennen seines Lebens und holte sich den WM-Titel.

Viele kennen die Situation: Das Match läuft super - bis zu dem Moment, in dem man zum Matchgewinn aufschla­gen soll. Dann kommt der berühmte "schwere Arm". Wie lässt sich dieses Phänomen, das auf Versagensängste zurückgeht, kompensieren?

Das ist eine Frage der Einstellung. Lasse ich negative Gedanken zu, geht mein Energielevel innerhalb von 10 Sekunden in den Keller. Die Negativ-Spirale setzt auch dann ein, wenn ich nur an das Ergebnis denke. Wichtig ist es, sich - wie vorhin bereits ausgeführt - über das "Warum" Gedanken zu machen, nicht über das "Wofür". Was ich in solchen Momenten brauche, ist Disziplin. Es liegt an mir, mich positiv zu beein­flussen und das Match erfolgreich abzuschließen.

In einem Interview haben Sie gesagt: "Man muss Druck lieben, oder man scheitert". Wie kann man Druck in positive Energie umwandeln?

Druck verwandle ich in positive Energie, indem ich ihn annehme, ihn akzeptiere und ihm Raum gebe. Das Gegenteil, also zu versuchen, ihn zu verdrängen, bedeutet Anstrengung und führt zu unbefriedigenden Ergebnissen. Topathleten lieben den Druck. Sie bringen unter Druck ihre beste Leistung. Das zeichnet sie aus.

Welchen Einfluss hat die Körper­sprache auf den Ausgang eines Matches?

Die Körpersprache hat einen erheb­lichen Einfluss. Stellen Sie sich vor, ein Spieler läuft wie ein Verlierer über den Platz. Das, was er nach außen aus­strahlt, gibt er auch nach innen weiter. Sein Gehirn bekommt in diesem Moment falsche Signale. Nehmen wir wieder Roger Federer als Beispiel: Er strahlt Ruhe, Souveränität und Klarheit aus. Er hat eine unfassbar starke Körperspra­che. Körpersprache und mentale Verfassung stehen in Wechsel­wirkung. Wenn sich ein Spieler im Match nicht gut fühlt, kann es ihm helfen, sich wie ein Sieger hinzustellen. Durch die Pose wird positive Energie freigesetzt. Die Methode scheint banal, hat aber einen verhaltenspsycholo­gischen Hinter­grund.

Wie kann jeder Breitensportler sein Tennis mit mentaler Unterstützung ein bisschen besser machen?

Es gehört zur Basisarbeit im Mental­training, Bewegungsabläufe ins Unterbewusst­sein einzuprägen. Als Spieler kann man zum Beispiel vor jedem Match 2 bis 4 Minuten visualisieren. Also sich vorstellen, wie man die einzelnen Schläge optimal ausführt, den Ball perfekt trifft und im gegnerischen Feld platziert. Auf dem Platz wird man danach schneller ein gutes Gefühl haben, sicherer die Schläge ausführen und den Ball besser treffen. Diese Methode funktioniert bei fast allen Menschen.

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