Gleichzeitig wird von den Unternehmen gefordert, Ressourcen zu sparen, Abfall zu vermeiden und ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden. Die Megatrends Digitalisierung und Nachhaltigkeit befinden sich im Spannungsfeld.

Martin Seibold sitzt am Besprechungstisch in seinem Büro im zweiten Stock der NÜRNBERGER Geschäftszentrale. Der promovierte Physiker ist als Vorstandsmitglied seit drei Jahren verantwortlich für die Digitalisierung der Prozesse im Unternehmen. An den beschreibbaren Wänden hinter ihm sind in bunten Farben komplexe Vorgänge gezeichnet. Große Panoramafenster geben auf der anderen Seite des Raums den Blick auf ein benachbartes Firmengelände und eine matschige Wiese frei - gar nicht herrschaftlich und privilegiert, wie man glauben könnte.

"So wichtig das Thema digitale Transformation in der Welt auch ist, im Unternehmensgefüge sitzt die IT noch immer im Maschinenraum", scherzt Seibold. Eigentlich wäre jetzt Mittagszeit, aber an eine Pause ist nicht zu denken. Gerade eben hat er seine x-te Besprechung an diesem Tag abgeschlossen, die nächste steht schon wieder an. "Die Digitalisierung ist ein Querschnittsthema, sie greift in alle Bereiche", sagt Seibold. Ihr Einfluss ist mächtig und allgegenwärtig: In zahllosen Artikeln und Fachbeiträgen werden die Themen IT- und Beratungssysteme, Online-Verkauf, Chatbots, künstliche Intelligenz und ein womöglich daraus folgender Stellenabbau von allen Seiten beleuchtet. Doch wie lässt sich Digitalisierung mit dem Megatrend Nachhaltigkeit vereinen, der noch leise, aber beständig an die Pforte der Versicherungsunternehmen klopft?

Den Unternehmen ist bewusst: Digitalisierungsprozesse fressen Unmengen an Energie.

"Da gibt es sowohl Gleichklang als auch Abstoßungen", erklärt der Experte. "Die Digitalisierung hat am Ende viel mit Energieverbrauch zu tun: Man weiß, dass z. B. Bitcoin so viel Energie verbraucht, wie ganze Länder - wie Portugal oder die Schweiz." Dabei ist sie nur ein Beispiel für eine Vielzahl von rechenintensiven Prozessen. Der Bedarf an Rechenzentrumskapazitäten und damit auch an Energie steigt mit wachsendem Einsatz von Cloud-Lösungen, Big Data und der fortschreitenden informationstechnischen Vernetzung. "Künstliche Intelligenz und Machine Learning erfordern Hochleistungsrechner, die riesige Datenmengen verarbeiten und mittlerweile mehr als eine Billiarde Rechenoperationen pro Sekunde bewältigen." Dazu kommt das weltweite Datennetz, das schon jetzt enorme Strommengen benötigt. Energieexperten schätzen, dass der Betrieb des Internets die Leistung von rund 25 Atomkraftwerken konsumiert. Allein die Google-Rechenzentren haben dabei einen ähnlichen Stromverbrauch wie eine kleinere Großstadt. Um dem enormen Energieverbrauch Rechnung zu tragen, setzen Unternehmen auf regenerative Energien. So verkündete Google jüngst, dass sein Stromverbrauch nun zu hundert Prozent grün ist. "Es gibt Unternehmen, die suchen sich ihren Cloud-Provider danach aus, von welchen Quellen er seinen Strom bezieht", sagt Seibold. "Zum Beispiel hat Apple seinen Provider gewechselt, weil der eine seine Elektrizität aus fossilen Energieträgern bezieht und der andere aus erneuerbaren Quellen." Auch bei der NÜRNBERGER setzt man neuerdings auf Naturstrom und unterstützt damit langfristig das Wachstum von Anbietern umweltfreundlicher Energien. Ein Kompensationsgeschäft mit dem Ziel, auch späteren Generationen eine nachhaltige Lebensgrundlage mit ausreichenden Ressourcen zu bieten.

Martin Seibold ist ein ruhiger Typ. Mit seinen knapp zwei Metern scheint er jeder Herausforderung gewachsen. Doch an diesem Punkt des Gesprächs wirkt er unsicher. Immer wieder umfasst er seinen Laptop, der vor ihm steht, mit beiden Händen. Ihm sind die Zusammenhänge klar, trotzdem ist ihm nicht ganz wohl dabei, die negativen Auswirkungen der Digitalisierung so stehen zu lassen.

Am Ende überwiegt der positive Einfluss, ist sich Seibold sicher.

"Wir müssen lernen, beides zu denken. Denn Digitalisierung hat vieles zur Nachhaltigkeit beizutragen." Jetzt wirkt der IT-Experte deutlich entspannter. "Weil bei der Digitalisierung viele Möglichkeiten entstehen, effizienter zu werden, auch teilweise weniger Energie und weniger Material zu verbrauchen." So schickt die NÜRNBERGER ihre Regulierer und Kfz-Sachverständigen nicht mehr so oft zum Unfallauto, weil sie remote über Foto oder Video Informationen bekommen können. Und auch Mitarbeiter müssen nicht mehr unbedingt zu Meetings durch das Land fahren oder fliegen, sondern können sich viel einfacher und umweltfreundlicher in Videokonferenzen und Collaboration Tools am Schreibtisch oder mobil miteinander verbinden. "Digitale Technologien sind da prädestiniert dafür, bei der Decarbonisierung zu helfen." Mit Hilfe von Smart-Tec-Lösungen werden in Unternehmen und Privathaushalten Strom gespart und Ressourcen geschont. "Für eine grüne und gerechte Ökonomie brauchen wir den Abschied von fossilen Brennstoffen, eine Kreislaufwirtschaft, mehr Effizienz, weniger Materialverbrauch und einen Schutz der Ökosysteme. Alle diese Ziele sind mit digitaler Technik besser zu erreichen als ohne sie. Das wäre eine enorme Entlastung." Seibold blickt aus dem Fenster, ganz zufrieden scheint er noch nicht: "Damit wir da hinkommen, müssen wir aber alle umdenken und uns auf die Digitalisierung einlassen. Wenn jeder einzelne erkennt, welche Chancen die Digitalisierung für eine nachhaltige Zukunft bringt, sind wir auf dem richtigen Weg. Am Ende überwiegt der positive Einfluss, da bin ich überzeugt."

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