Hänsel und Gretel verliefen sich im tiefen Wald, Rotkäppchen begegnete dort dem Wolf, Goethe schrieb romantische Verse darüber. Kurzum: Wälder waren und sind tief in unserer Kultur verwurzelt. Tatsächlich leben wir hierzulande in einem der waldreichsten Länder Europas. Rund ein Drittel der Fläche Deutschlands ist mit Bäumen bestanden.* Zumindest noch. Denn der Klimawandel hinterlässt auch hier seine Spuren.

Wälder sind nicht nur eine Ansammlung von Bäumen, sondern komplexe Ökosysteme - unverzichtbar für unser (Über-)Leben. Dort findet man die nach dem heutigen Kenntnisstand höchste Artenvielfalt aller Lebensräume auf der Landfläche. Allein in mitteleuropäischen Buchenwäldern kommen 4.300 Pflanzen- und Pilzarten sowie mehr als 6.700 Tierarten vor.** Wussten Sie zum Beispiel, dass auf einer alten Buche bis zu 700 Organismenarten in Gemeinschaft leben?

Aber damit nicht genug: Wälder speichern Kohlenstoff und Wasser, produzieren Sauerstoff, liefern uns den Rohstoff Holz und sind Erholungsorte, an denen wir entspannen und Kraft tanken können. Umso besorgniserregender, dass der Klimawandel einigen unserer heimischen Baumarten extrem zu schaffen macht - und damit auch das empfindliche Ökosystem Wald bedroht. Ob Trockenheit, Hitze, Stürme oder Schädlinge: Was können wir tun, um unseren Wäldern zu helfen, sich den verändernden Umweltbedingungen anzupassen? Mehr noch: Wie erreichen wir, dass sie auch noch in 50 bis 100 Jahren gesund und voller Leben sind?***

* und ** Quelle: NABU
*** Quelle: Taunus-Nachrichten

Dr. Christian Kölling

Ein Waldspaziergang mit Dr. Christian Kölling

Über die Zukunft unserer Wälder hat unsere Redakteurin Alexandra Lill mit Dr. Christian Kölling gesprochen. Er ist Bereichsleiter Forsten beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Roth (Mittelfranken) und begleitet das Projekt "Waldzukunft zum Anfassen".

[Lill] Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview nehmen. Eine Frage, die uns gleich zu Beginn brennend interessiert: Was fasziniert Sie an Wäldern? Und was verbinden Sie damit?

[Kölling] Wälder haben mich schon als Kind begeistert. Wann immer möglich, waren mein Vater und ich dort auf Entdeckungstour unterwegs. Die Atmosphäre, die Gerüche nach feuchtem Laub, Erde und Harz, die Vielfalt an Lebewesen - jeden Tag kann man hier Neues entdecken. Denn das komplexe Wald-Ökosystem verändert sich ständig. Nichts ist exakt wie am Tag zuvor. Meinen Forschergeist haben die "Geheimnisse" in und um den Wald also schon früh beflügelt. Heute habe ich das Glück, dass meine Leidenschaft und mein Beruf Hand in Hand gehen.

[Lill] Sie begleiten und leiten ja auch das Projekt "Waldzukunft zum Anfassen", das unsere Wälder für den Klimawandel fit machen soll. Können Sie die Kernidee dahinter erläutern?

[Kölling] Wir stecken gerade mitten im menschengemachten Klimawandel: Das Klima ändert sich mit einer Geschwindigkeit, wie sie noch vor wenigen Jahren nur in sehr pessimistischen Szenarien vorkam. Wohin die "Reise" unserer Wälder genau geht und welche Bäume bzw. Baumgemeinschaften bei uns in 50 bis 100 Jahren unter den veränderten klimatischen Bedingungen leben können, ist unmöglich exakt vorherzusagen. Dafür wäre eine Zeitmaschine nötig. Um dennoch herauszufinden, wie wir unseren Wäldern helfen können, den Klimawandel zu überstehen, z. B. durch das Pflanzen der richtigen Baumarten, orientieren wir uns an Regionen, wo heute schon das Klima herrscht, das wir bei uns in Zukunft erwarten dürfen. Wir nutzen also Erfahrungen aus der Ferne anstelle von Erfahrungen aus der Zukunft und "importieren" Bäume wie die Edelkastanie, die auch höhere Temperaturen und Trockenheit überstehen können. Die Raumreise ersetzt somit die Zeitreise. Das nennt sich Analogieprinzip und dient als Basis für unser Projekt "Waldzukunft zum Anfassen".

[Lill] Also können wir von anderen Regionen lernen, unsere Wälder zukunftsfähig aufzuforsten. Aber warum ist der Klimawandel für einen Großteil unserer derzeitigen Wälder überhaupt so gefährlich?

[Kölling] Um diese Frage zu beantworten, schauen wir am besten in unsere klimatischen Zwillingsregionen in Frankreich. Diese reichen von Dijon über Lyon bis nach Avignon. Hier wachsen immer weniger Kiefern und Fichten. Und auch deutlich weniger Eichen und Buchen - wenn man sich nur weit genug in Richtung Süden vorarbeitet. Denn jede Baumart hat einen individuellen Temperaturbereich, in dem sie überleben kann.

Nadelbäume, die für unsere derzeitigen Wälder noch typisch sind, kommen ursprünglich aus dem kalten Norden. Sie lieben niedrige Temperaturen und brauchen viel Feuchtigkeit. Bedingungen, die sie vor dem Klimawandel auch in unserer Region vorgefunden haben. Nun ändert sich das Klima rapide und Fichten wie Kiefern kommen mit der zunehmenden Trockenheit und den gestiegenen Temperaturen nicht gut klar. Schlimmer noch: Sie sterben ab. Und da sie einen großen Prozentsatz unserer Wälder ausmachen, hat das dramatische Folgen - sofern wir dem nicht entgegenwirken.

[Lill] Das klingt wirklich besorgniserregend. Tatsächlich sieht man ja bei uns oft ganze Waldbereiche, wo ausschließlich Fichten als Monokultur angepflanzt wurden. Doch weshalb haben Waldbesitzer in der Vergangenheit denn überwiegend auf Nadelbäume und nicht auf unterschiedliche Baumarten gesetzt?

[Kölling] Unter für sie idealen Bedingungen wachsen Fichten sehr schnell und bieten daher eine besonders ertragreiche Holzernte. Deshalb hat man sie in der Vergangenheit bevorzugt gepflanzt - eben auch gerne als Monokulturen. Doch der Klimawandel bedeutet nun das Aus für reine Fichten- und Kiefernwälder. Ein Umdenken ist dringend notwendig.

Waldzukunft zum Anfassen

"Waldzukunft zum Anfassen"

Mit dem Pflanzen zukunftsfähiger Baumarten aus wärmeren, trockeneren Regionen will das Projekt "Waldzukunft zum Anfassen" unsere Wälder für den Klimawandel fit machen.

[Lill] Also sind Mischwälder, sprich Wälder mit vielen unterschiedlichen Baumarten, grundsätzlich besser für den Klimawandel gerüstet?

[Kölling] Auf jeden Fall. Da wir die klimatische Entwicklung nicht exakt vorhersagen können, ist es riskant, ausschließlich auf Baumarten zu setzen, die hervorragend mit Trockenheit und hohen Temperaturen, aber nicht mit Kälte und Feuchtigkeit umgehen können. Denn das Klima verändert sich ja nicht von heute auf morgen komplett, sondern in der Übergangszeit gibt es eine Mischung des Klimas von heute und morgen.

Das bedeutet: Es kann zwischendurch immer noch kalte Winter und regenreiche Sommer geben. Wenn wir nun viele Baumarten mit unterschiedlichen Vorlieben pflanzen, verringern wir das Risiko, dass ganze Waldbereiche unter für sie ungünstigen Bedingungen absterben. Das ist aber nicht der einzige Vorteil von Mischwäldern. Verschiedene Baumarten unterstützen sich gegenseitig. So verlieren Laubbäume im Winter ihre Blätter und lassen dadurch mehr Regenwasser und Licht durch. Davon profitieren wiederum die Nadelbäume. Denn Ressourcen wie Licht, Wasser und Nährstoffe können so effizienter genutzt werden, was Mischwälder sogar ertragreicher macht als Monokulturen.

[Lill] Spielt auch Artenvielfalt eine Rolle bei dem Umbau der Wälder?

[Kölling] Ganz bestimmt. Mit unserem Ansatz fördern wir auch die Artenvielfalt. Denn wir ergänzen heimische Baumarten (die bislang gut mit dem Klimawandel klarkommen) mit neuen Arten aus unseren klimatischen Zwillingsregionen. Dadurch erhöhen wir die Biodiversität, denn vorhandene Organismen können weiterhin existieren, da ihre Lebengrundlage ja bestehen bleibt. Zusätzlich erhalten neue Lebewesen die Chance, sich anzusiedeln. Das Ökosystem Wald entwickelt sich also weiter - ergänzt um neue Arten.

Zitate

"Wir Menschen haben den Klimawandel in Gang gesetzt. Damit tragen wir auch die Verantwortung für die Folgen, die dieser für unsere Wälder hat."

Dr. Christian Kölling, Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF)

[Lill] Und welche Baumarten können den aktuellen und kommenden Herausforderungen am besten trotzen? Müssen wir wirklich "fremde" Baumarten importieren?

[Kölling] Unsere Wälder können aktuell mit der Geschwindigkeit der klimatischen Veränderungen nicht Schritt halten. Sie brauchen unsere Unterstützung. Stärken können wir sie, indem wir eben fremde Baumarten, die in den schon genannten Zwillingsregionen gedeihen, in unsere Breiten importieren. Dazu gehört unter anderem die Edelkastanie, aber auch die Manna-Esche oder die Hopfen-Buche. Sie haben die Fähigkeit, in den trockeneren, wärmeren Regionen zu überleben. Das gelingt ihnen, weil sie große Wurzeln haben, mit denen sie das Wasserangebot aus der Erde optimal ausschöpfen können. Dafür sind sie etwas kleiner und wachsen sie etwas langsamer. Aber damit können eben auch in Zukunft bei uns leben - im Gegensatz zu manchen unserer heimischen Arten, deren große Zeit leider vorbei ist.

[Lill] Wir Menschen haben das ganze Problem mit dem Klimawandel ja überhaupt erst verursacht. Wäre es da nicht auch eine Option, der Natur (teilweise) wieder ihren Lauf zu lassen und so wenig wie möglich einzugreifen? Wie viel unberührte Natur braucht unser Wald und wie viel Naturwald gestatten wir?

[Kölling] Das stimmt. Wir Menschen haben den aktuell rapide voranschreitenden Klimawandel in Gang gesetzt. Und damit tragen wir auch die Verantwortung für die Folgen, die dieser für unsere Wälder hat. Wenn wir diese nun einfach sich selbst überlassen, werden große Teile in den nächsten Jahren absterben - und es würde sehr lange dauern, bis sich ein neues Gleichgewicht einstellt bzw. neue Arten auf natürliche Weise "einwandern". Sofern das überhaupt passiert, denn wir Menschen haben viele Barrieren (wie Straßen, Städte, Ackerflächen etc.) aufgebaut, die so eine natürliche Einwanderung erschweren oder gar komplett verhindern. Deshalb sehe ich uns ganz klar in der Pflicht, unsere Wälder zu unterstützen, indem wir zukunftsfähige Baumarten zwischen die heimischen Arten pflanzen. Und das tun wir ganz gezielt mit dem Projekt "Waldzukunft zum Anfassen".

Nachhaltige Forstwirtschaft trockener Sommer Je heißer und trockener die Sommer, desto ...
Nachhaltige Forstwirtschaft anfällige Nadelwälder ... anfälliger werden unsere Nadelwälder ...
Nachhaltige Forstwirtschaft Schädlinge ... für Schädlinge wie den Borkenkäfer.

[Lill] Abschließend noch eine ganz zentrale Frage: Was sind für Sie die wichtigsten Faktoren, damit ein Aufforstungsprojekt nachhaltig erfolgreich ist?

[Kölling] Da möchte ich vier Faktoren nennen, die für den Erfolg eines solchen Waldumbaus besonders wichtig sind:

  • Zuallererst sollte man mindestens vier Baumarten mischen - wenn möglich mehr. Möglichst sollten diese verschiedene Temperaturbereiche abdecken. Von kühl über mittel bis hin zu hohen Temperaturen.
  • Dann sollten es natürlich die passenden Baumarten sein, also solche mit einer guten Zukunftsprognose, die auch noch in 50 bis 100 Jahren unter den neuen klimatischen Bedingungen eine Überlebenschance haben.
  • Wichtig ist außerdem, diese zukunftsfähigen Baumarten über eine große Fläche zu streuen, d. h. möglichst häufig kleinere Anpflanzungen über eine große Region zu verteilen, damit hier die Artenvielfalt flächenwirksam erhöht wird.
  • Die jungen Bäume müssen in den ersten Jahren gepflegt werden. Dazu gehört es, sie vor dem Verbiss durch Wildtiere zu schützen und auch Platz im vorhandenen Wald zu schaffen, damit sie an genug Licht und Wasser kommen

[Lill] Vielen herzlichen Dank für das interessante Gespräch, Herr Dr. Kölling. Und weiterhin viel Erfolg mit dem Projekt "Waldzukunft zum Anfassen".

Magazin Illustration 2021

Auf den Geschmack gekommen?

Wenn Sie alle Artikel unseres Nachhaltigkeitsmagazines lesen möchten, können Sie dieses auch als komplettes PDF herunterladen und jederzeit durchstöbern.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Nachhaltige Kapitalanlagen

Wirtschaft und Werte

Nachhaltige Kapitalanlagen

Mehr erfahren
Lichtverschmutzung

Umwelt und Region

Lichtverschmutzung

Mehr erfahren