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"Wir brauchen einfach mehr mutige und kreative Macher in der Szene."

Inklusion im Tennis geht über das Geschehen auf dem Platz hinaus. Das zeigt ein Besuch der German Open Wheelchair Tennis. Bei Deutschlands größtem Rollstuhltennis-Turnier fällt es ganz leicht, Berührungsängste abzubauen, mit den Athleten in Kontakt zu kommen und sich von ihrer positiven Lebenseinstellung mitreißen zu lassen.

Ein ungezwungenes Miteinander von Menschen mit und ohne Handicap wünscht sich der Deutsche Tennis Bund (DTB) auch für den Vereinsalltag. Deshalb setzt sich der drittgrößte Sportverband Deutschlands dafür ein, gemeinsam mit seinen Mitgliedern den Weg für inklusive Ansätze zu bereiten. Damit es in immer mehr Tennisclubs "normal" wird, wenn Blinde und Sehbehinderte mit einem Klingelball spielen, ein Rollstuhltennis-Match läuft, am Talentinos-Training Kinder mit geistiger Behinderung teilnehmen oder der Punktestand im Herrentraining mit Handzeichen angezeigt wird, weil ein Gehörloser im Team ist.

Niklas Höfken fungiert seit 2017 als DTB-Referent für Inklusion und Parasport. Er setzt sich mit Esprit und Nachdruck dafür ein, mentale Hürden bei Verbänden und Vereinen abzubauen und Menschen mit Behinderung einen Zugang zum Tennis zu ermöglichen. Im Interview berichtet er über seine Arbeit und gibt praxisnahe Tipps für Clubs und Trainer.

Vita.

Niklas Höfken ist 26 Jahre und leitet seit 2013 das "Tennis für alle"-Projekt der Gold-Kraemer-Stiftung. Er ist Lehrbeauftragter für das Fach Tennis an der Deutschen Sporthochschule Köln, wo er als Sportwissenschaftler zur Teilhabe von Menschen mit Behinderung am organisierten Sport forscht. 2017 wurde er zum DTB-Referenten für Inklusion und Parasport und 2018 vom Deutschen Behindertensportverband zum Rollstuhltennis-Cheftrainer berufen.

Niklas Höfken
Bildquelle: DTB/Lana Roßdeutscher

Angebot für die Landesverbände.

Niklas Höfken bietet an, die Verbände zu besuchen und dort im Rahmen der Aus- und Fortbildung der Trainer eine Qualifizierung in Theorie und Praxis durchzuführen. Zudem kann er die Akteure dabei unterstützen, inklusive Strukturen aufzubauen und eine eigene inklusive Philosophie zu entwickeln. Auch beim Generieren von finanziellen, strukturellen und organisatorischen Hilfen vom Land, von Verbänden und Kommunen bringt er gerne seine Erfahrung ein. Außerdem entstehen aktuell Beiträge für den DTB-Onlinecampus sowie ein Inklusions-Modul für die neue DTB-B-Trainerausbildung.

Interessenten schreiben eine E-Mail an: dtb@tennis.de

Niklas Höfken im Interview mit der NÜRNBERGER.

Herr Höfken, warum ist Tennis für Menschen mit Behinderung ein geeigneter Sport?

Tennis hat einen großen Vorteil: Es gibt viele Stellschrauben, an denen man drehen kann, um den Sport behindertengerecht zu modifizieren - ob Bälle, Schläger, Feldgröße oder Regeln. So darf beispielsweise der Ball beim Rollstuhltennis 2-mal aufspringen oder rasselt beim Blindentennis. Mit einfachen Mitteln lässt sich das Spiel an ganz unterschiedliche Voraussetzungen anpassen. So sorgen wir für mehr Teilhabemöglichkeiten, ohne unseren Sport völlig neu erfinden zu müssen. Denn hier methodisch überfordert zu sein, ist aus meiner Erfahrung häufig die Angst von Vereinen oder Trainern. Die wollen das Thema angehen - trauen es sich aber fachlich nicht zu.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Bereitschaft von Vereinen gemacht, Angebote für Menschen mit Behinderung zu schaffen?

Vereine und Trainer sind dem Thema gegenüber immer häufiger sehr interessiert und offen. Es geht ja auch eine große Faszination vom Sport von Menschen mit Behinderung aus. Sind wir mal ehrlich: Wie verrückt ist es denn, tatsächlich mit einem Blinden Tennis zu spielen? Mittlerweile sind wir mit dem Thema in einigen Verbänden in den Trainerausbildungen fest verankert und es kommen immer mehr Clubs auf mich zu und bitten mich um Informationen. Sie erkennen die Notwendigkeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Das zeigt auch die positive Resonanz auf Vorträge wie beim Internationalen DTB Tenniskongress in Berlin, auf unsere Informationsbroschüre "Inklusion im Tennis" oder auch unseren neuen "Tennis für alle"-Imagefilm. Es ist ein langer Weg, bis es irgendwann eine Selbstverständlichkeit im organisierten Tennis ist, dass Menschen mit Behinderung dazugehören, aber ich blicke da sehr optimistisch in die Zukunft.

Wo liegen derzeit noch die größten Schwierigkeiten bei der Inklusion?

Inklusion als thematischer Leitgedanke oder Oberbegriff ist da wirklich sehr vielschichtig. Leider gibt es häufig nur wenige Berührungspunkte im Alltag zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Wenn man sich aber nie begegnet, lernt man die anderen auch nicht kennen, kann mögliche Berührungsängste nicht abbauen und auch nicht erfahren, dass unsere Gemeinsamkeiten viel größer sind als die Unterschiede. Wenn man dann auch noch bemerkt, dass diese vermeintlichen Unterschiede eine große Bereicherung sein können, für das Training oder das Vereinsleben, dann entsteht eine wirklich nachhaltige Wirkung für die Tenniswelt. Diese wichtigen Begegnungen lassen sich dabei gar nicht so kompliziert organisieren, etwa durch inklusive Trainingscamps oder Turnierveranstaltungen, auf denen Sportler mit und ohne Behinderung starten.

Wie sollten Vereine vorgehen, die Menschen mit Behinderung einbeziehen möchten?

Als ersten Schritt empfehle ich den Vereinen 2 Dinge: Zum einen sollte man den Blick nach außen öffnen, eine kleine sogenannte Sozialraumanalyse machen. Welche vielleicht noch tennisuntypische Klientel befindet sich denn tatsächlich in meinem Umfeld? Gibt es Förderschulen oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung, vielleicht bestehende Blinden- oder Rollstuhlsportgruppen, die man mal einladen könnte? Zum anderen muss man die eigenen Voraussetzungen analysieren. Hat man bereits Mitglieder, die in Kontakt mit Menschen mit Behinderung stehen, zum Beispiel Physiotherapeut, Arzt oder Sonderpädagoge? Auf welche Barrieren könnten Menschen mit Behinderung stoßen und wie könnten diese Stück für Stück abgebaut werden? Haben die Vereinstrainer Interesse daran, den Sport auch für Neugierige mit Behinderung zu öffnen?

Was muss ein Trainer wissen, der mit Menschen mit Behinderung arbeiten möchte?

Die wichtigste Message lautet: Wer generell ein guter Tennistrainer ist, der ist auch ein guter Tennistrainer für Menschen mit Behinderung! Das kann ich gar nicht oft genug sagen. Einige Behindertensportverbände, mit denen ich ebenfalls viel zusammenarbeite, neigen manchmal dazu, zu betonen, wie wichtig es sei, sich als Trainer spezielles Wissen über verschiedene Behinderungsformen usw. anzulernen. Das stimmt natürlich bis zu einem gewissen Maße - aber als guter Trainer versuche ich doch immer, in einen Dialog mit meinen Teilnehmern zu kommen, um herauszufinden, welche Trainingsformen mit ihnen am besten funktionieren. Unsere Tennistrainer sind die Experten für Tennis und haben Lust, anderen ihre Sportart beizubringen. Menschen mit Behinderung sind die Experten für ihre eigenen Voraussetzungen und Fähigkeiten. Und daher sollte man diese beiden Kompetenzen auf dem Tennisplatz vereinen - ohne große Sorgen. Inklusion beginnt im Kopf. Und im Dialog. Dass ich einem Blinden eine Vorhand anders beibringe als einem Sehenden, ist dann doch offensichtlich. Wie das funktionieren kann, muss ich ausprobieren, immer wieder reflektieren und mich mit anderen vernetzen. Wir brauchen einfach mehr mutige und kreative Macher in der Szene. Inklusion ist kein Patentrezept, sondern vielmehr eine Einstellung.

Warum profitieren Menschen mit Behinderung von einem inklusiven Tennisangebot?

Es kann passieren, dass Menschen mit Behinderung in einem "Teufelskreis der Inaktivität" landen. Die Ursache liegt in dem fehlenden Einbezogensein in die unterschiedlichen Bereiche unserer Gesellschaft. Stellen Sie sich folgendes Negativ-Szenario vor: Jemand erfährt durch einen Unfall eine Behinderung. Er kann dadurch seinen Beruf und seine Hobbys nicht mehr ausüben, bleibt mehr und mehr zu Hause. Irgendwann traut er sich womöglich aus Angst vor Zurückweisung oder jemandem "zur Last zu fallen" nicht mehr, auf andere Menschen zuzugehen, und vereinsamt zusehends. Durch offensive Angebote von Tennisclubs fassen diese Menschen wieder den Mut, sich zu öffnen. Tennisvereine zeichnen sich ja nicht nur durch sportliches Engagement aus, sondern durch ein starkes Gemeinschaftsgefühl. So kann Inklusion vom Tennisplatz und vom Tennisverein ganz natürlich in die Gesellschaft hineinwachsen. Wir dürfen dabei aber nicht warten, dass diese Zielgruppe den Weg zu uns findet. Wir müssen aktiv kommunizieren, dass diese Menschen bei uns im Tennis willkommen sind!

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